Unser Fazit zur Klimakonferenz in Glasgow 2021

Der Saal ist voll, der Film rattert. Bequem, so ein Kinosessel! Da steht einer auf, irgendwo in einer vorderen Reihe. Stellt fest: ich sehe viel besser! Die neben ihm sehen es: Das probiere ich! In den vordersten Reihen drehen sie sich um, in den hinteren recken sie die Hälse. Irgendwann steht der ganze Saal. Jeder sieht so gut wie zuvor, nur unbequemer. Wie bewegt man alle dazu, sich gleichzeitig wieder zu setzen?

Es gleicht der Frage, die sich die fast 40 000 Delegierten auf der Conference of the Parties, kurz COP, im November in Glasgow stellten. Es gilt, die Pariser Klimaziele voranzutreiben. Die 26. Klimakonferenz der Vereinten Nationen war die größte in vielerlei Hinsicht.

War sie ein Erfolg?

Politiker*innen sprechen von historischen Beschlüssen. Als Bla, bla, bla fasst es die Klimaaktivistin Greta Thunberg zusammen.

Zum ersten Mal überhaupt wird explizit das weltweite Ende der Kohle formal erwähnt. Im letzten Moment abgeschwächt auf ›schrittweisen Abbau‹ statt ›Kohleausstieg‹. Die USA und China wollen bei der Treibausgas-Reduktion vorangehen; Abkommen zur Methan-Reduktion und zum Verbrenner-Aus; ein gemeinsames Bekenntnis, die Erderwärmung bei 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu stoppen. Alle im Kino-Saal haben verstanden, dass sie sich wieder setzen müssen. Die Frage bleibt, wie schnell sie dies tun.

Manch einer in den vordersten Reihen hat noch gar nicht gemerkt, dass es hinterste Reihen gibt. Loss & Damage heißt der wohl größte Misserfolg. Die, die maßgeblich zum Klimawandel beigetragen haben, sollten die, die ihn bereits heute spüren, unterstützen, mit den Folgen umzugehen. Es sind Inselstaaten, afrikanische Staaten südlich der Sahara und Indigene, deren Lebensgrundlage täglich schwindet. Jährlich 100 Milliarden USD wollten die Industriestaaten ab 2020 dafür bereitstellen. Bedenkt man, dass die Bundesregierung in Deutschland 30 Milliarden Euro für die Flut-Schäden in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zur Verfügung gestellt hat, sind 100 Milliarden US-Dollar für alle Entwicklungsländer für Emissionsminderung, Anpassung und Klimaschäden ein geradezu zwergenhafter Betrag. Nun soll das Thema erst auf der nächsten COP verhandelt werden.

Konsequente Umsetzung gefragt

Wie auch immer man den Pakt von Glasgow beurteilen mag, entscheidend für den Erfolg der Klimapolitik werden nicht einzelne Konferenzen sein. Entscheidend wird sein, wie entschlossen die Staaten ihre Ziele verfolgen. Glasgow hat den Schritt getan vom Streit um das Kleingedruckte abzurücken. Es steht für einen Aufbruch. Doch Fortschritte wird es nur geben, wenn Vorreiter andere Länder mitziehen. Eine zentrale Rolle wird dabei die Wirtschaft spielen, die sich zur Überraschung einiger Beobachter oft für eine ambitionierte Klimapolitik aussprach, statt zu bremsen. Vielleicht ist es gar nicht nötig, dass sich alle gleichzeitig wieder setzen. Vielleicht genügt es, wenn die in den vorderen Reihen den Anfang machen – pragmatisch, zielgerichtet und vor allem: jetzt!

Foto: Schneemann – im Kühlschrank (Skulptur von Peter Fischli/David Weiss, Fondation Beyeler, Riehen, Schweiz)

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Roman Limacher

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